Youn Sun Nah

Genre: Jazz

»Musik von heute«, hat Tori Amos mal gesagt, »hat meistens keinen Weißraum mehr, da ist kein Platz für unsere Phantasie. Und wenn ich die in einem Konzert an der Garderobe abgeben muss, bleibe ich lieber daheim und gucke mir den Sonnenuntergang an.« Eines der wichtigsten Worte dieses Bonmots steht sehr weit vorn, es lautet ›meistens‹ und heißt so beruhigend viel wie ›nicht immer‹. Amos selbst ist zwar auch eine der lobenswerten Ausnahmen von der Regel, eine weit überraschendere aber ist eine zierliche Frau, die ausgerechnet aus dem populärmusikalisch unverdächtigen Südkorea stammt, mit Mitte 20 in Paris ihre ersten Jazzplatten hörte und sich seither dieser Musik verschrieben hat. mehr 


Was fällt einem zu Südkorea ein? Aufstrebende Automarken, die unselige Grenze zum irrealsozialistischen Norden, vielleicht noch die Fässer mit milchsäuremildem Kohl, mit ›Kimchi‹ auf den Balkonen der Koreaner. Aber Jazz? Wohl eher nicht. Kein Wunder ergo, dass Youn Sun Nah, vor 43 Jahren in Seoul geboren, erst durch die halbe Welt reisen musste, bevor sie als extraordinäre Sängerin wahrgenommen wurde. In Paris gelang dies der Tochter eines Dirigenten und einer klassischen Sängerin zuerst, inzwischen räumt die charmante Vokalistin international einen Preis nach dem anderen ab, während sich ihre spartanisch instrumentierten Songs immer mehr in Richtung dessen bewegen, was ein Bob Dylan in seiner Jugend zementierte: Maßstäbe setzende Einfachheit. Oft nur kongenial von der Gitarre des Schweden Ulf Wakenius begleitet, entführt Youn Sun Nah ihre Zuhörer in eine märchenhaft bizarre Welt arabesker, elaborierter Songs, unter denen ihre genialische Version von Metallicas ›Enter Sandman‹ am Ende bloß noch einer von vielen Felsen in der Brandung ist. Auf ihrem neuen Album ›Lento‹, das seit Wochen die Jazzcharts anführt, tauchen wie aus dem Nebel mal ein Akkordeon, dann wieder elektronische Klänge auf, in manchen Konzerten hat Youn Sun Nah sich auch schon mutterseelenallein selbst gesampelt und dann mit ihrer eigenen Stimme ihre eigene Stimme begleitet.
Sie scattet, sie gurrt, sie schreit, haucht, summt und flirtet. Ihre Alben sind in aller Welt aufgesammelte, zum wunderbaren Mosaik gelegte Fragmente, »der Eklektizismus«, schrieb für die FAZ Thomas Lindemann, »wurde ein Teil von Youn Sun Nah. Bis heute singt sie alles, aber alles wird bei ihr zu Jazz«. So wie etwa Tom Waits‹ ›Jockey Full Of Bourbon‹ auf ›Voyage‹ oder Nine Inch Nails' ›Hurt‹ und Johnny Cashs ›Ghostriders In The Sky‹ auf  ›Lento‹. Youn Sun Nah singt endlich, fast ein halbes Jahrhundert nach Ella Fitzgerald, mal wieder einen Jazz, der keine in Wohlklang aufgelöste Absichtserklärung ist, sondern echte Risiken eingeht. Wer das nur als begrüßenswert empfindet, betreibt fast schon strafbares Understatement.
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