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80/2017

Karsten Jahnke Es gibt Menschen, mit denen kann und muss man sich nicht über Musik unterhalten.
Sie finden mal etwas ganz gut, aber niemals wichtig. Und es gibt Karsten Jahnke. Der fällt notfalls auch mal mit der Tür ins Haus. Kaum dampft in der Tasse der obligatorische Grüntee, spricht er über die letzten, von ihm vergossenen Tränen. Untypisch männlich. »Im Angesicht der Musik«, sagt Jahnke, »sind Tränen durchaus möglich, man kann derart gerührt sein, ein Stück, welches einem viel bedeutet, nach langer Zeit mal wieder zu hören«.  Das sei auch der Grund, warum er zum Beispiel Irish Folk so interessant finde, »auch wenn dessen Texte nicht selten unangenehm nationalistisch sind. Oft aber auch nur patriotisch, die Kilkennys etwa haben einen neuen Song, ›Homeland‹, da geht mir das Herz auf. Mit einem Damenchor! Ich bin ja nun oft in Irland, aber 15 so hübsche, junge Frauen auf einem Haufen habe ich da noch nie gesehen. Ich dachte zuerst, die seien gecastet, aber nein«!
Es liegt keinesfalls nur daran, dass dieser Mann am 22. November 2017 seinen 80. Geburtstag feiern wird: Einen wie Karsten Jahnke könnte niemand casten. Der war einfach irgendwann da, hatte seine Leidenschaft zum Beruf gemacht und besteht seither und ergo seit gut einem halben Jahrhundert darauf, dass Musik eine Sache der Leidenschaft ist. Neulich, sagt Jahnke, habe er sich »diese alte Platte ›hundering Herd‹ von Woody Herman« aufgelegt, »das ist eine so fantastische Platte, mit diesen wunderbaren Saxophonen und mit Leuten wie Stan Getz und Zoot Sims, da stehst du dann und schreist vor Begeisterung«. Zugegeben, es ist nicht einfach, sich Jahnke schreiend vor Begeisterung vorzustellen, diesen echten Hanseaten, aber ganz auszuschließen ist es nicht.
Zum Jazz war Jahnke über Radiosender wie BFBN gekommen, »und irgendwann hatte ich halt diesen Traum, Veranstalter zu werden«. 1959 ließ er als Mitveranstalter einen Jazzband Ball über die Bühne gehen und ging mit elf Mark Gewinn nach Hause. Noch kein Triumph, aber ein Anfang. Ein Jahr später leider schon perdu, mit seinem ersten eigenen Konzert, Franz Josef Degenhardt in der kleinen Musikhalle, schrieb 800 Mark Verlust. Sein Vater habe einst »richtigerweise gesagt, Junge, lern lieber erstmal was Vernünftiges. Also habe ich Import/Export-Kaufmann gelernt und mich nebenbei um Musik gekümmert. Naja, was heißt nebenbei: Im November 1967 habe ich schon acht Konzerte in Hamburg gemacht. Und dann kam das Glück mit Insterburg & Co., die dazu beigetragen haben, dass ich praktisch niemals wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte. Was eigentlich normal gewesen wäre«. Mit den Insterburgern hatte Jahnke per Handschlag abgemacht, dass alle Gewinne durch fünf – vier Bandmitglieder, einen Veranstalter – geteilt werden. Heute undenkbar.
Aber der Idealfall für Jahnke. »Ich war immer schon ein Typ, der Konflikte nicht sonderlich liebt. Ich dachte, man müsse doch unter Menschen irgendwie klarkommen können und es müsse immer irgendeine Lösung geben«. Schlückchen Grüntee. »Nach der habe ich immer gesucht, und ich glaube ja auch bis heute, dass ein Konkurrent nicht unbedingt ein Feind sein muss. Da gibt es sogar Leute, die man bewundert, und andere, bei denen man sich sagt: Na, Gott sei Dank muss ich das nicht machen.«
Jetzt nach Namen zu fragen, das hieße Karsten Jahnke beinahe zu beleidigen. »Ich hatte das Glück«, sagt er, »dass Gruppen, deren Tourneen wir gemacht haben, beständig welche waren, zu deren Konzerten ich auch selbst hingegangen wäre – und bin. Ein Privileg, das man sich allerdings leisten können muss. Bei manchen Bands weiß man von Beginn an, dass es teuer werden wird, die groß zu machen. Ich habe mich aber nie darüber geärgert, wenn das Vorhaben mal danebenging – solange ich die Musik mochte«. Eine Haltung, mit der sich Jahnke einen Ruf als Unikat im nicht eben oft von Freundlichkeit und Fairness bestimmten Konzertgeschäft erwarb und der auch dazu führte, dass ihm, mehr noch als seiner Firma, die im Jahr 1972 gegründet worden ist, viele Mitarbeiter bereits seit Jahrzehnten die Treue halten.
Die Künstler selbst waren ja dann und wann doch ziemlich unerträglich. Jahnke nickt und grinst. »Es gab ja diese Zeiten«, sagt er, »wo Musiker gern mal ihre Hotelzimmer zertrümmerten. Das klingt dann immer so brachial und gefährlich, aber dafür gab es oft eine einfache Erklärung. Da kommen junge Leute in ein Hotel, die soviel Geld haben, dass sie das Hotel kaufen könnten. Und die werden behandelt wie, Entschuldigung, ein Typ, der so gar nicht geht, weil da irgendein arroganter Mensch an der Rezeption steht. Da kommt dann der Frust. Ich erinnere mich an eine Geschichte aus dem Düsseldorfer Hilton. Wir logierten dort mit Klaus Hoffmann, Ted Nugent war ebenfalls Hotelgast. Als wir da reinkamen, stand im Foyer die GSG9, bis an die Zähne bewaffnet. Ein ziemlich widerliches Gefühl. Der Grund war, dass dort auch eine israelische Delegation wohnte. Da stand dann der hünenhafte Bodyguard von Nugent und machte Fotos von der Einsatztruppe, woraufhin die ihm den Film aus der Kamera zogen. Gegen eine MG traute selbst der sich nicht zur Gegenwehr. Und was passierte? Die Band inszenierte mit zwei großen Mercedes-Limousinen einen Crash direkt vor dem Hotel, ihr Zimmer war am nächsten Morgen dem Erdboden gleich. Und der Bandmanager schlendert morgens seelenruhig an die Rezeption und fragt: Was kostet das? Und zahlte ohne Murren mit einem Scheck über 25.000 Dollar. Aber toi, toi, toi: So etwas gibt es nicht mehr. Früher wurden ja Konzerte manchmal noch gestürmt, das ist auch vorbei«.
Themenwechsel. Wenn ihm vor 30 Jahren jemand erzählt hätte, dass 2017 für ein Ticket für die Rolling Stones bis zu 1600 Mark fällig gewesen wären… »dann hätte ich das für absolut unmöglich gehalten. Aber das zahlt ja auch nicht der normale Konzertgänger. Ich sage auch oft und gern, dass wir aufpassen müssen, die Preise nicht ausufern zu lassen. Wenn du zweimal in einem Jahr ins Konzert gehst, kannst du eventuell auch mal 600 Euro bezahlen. Willst du aber fünf, sechs Konzerte im Monat sehen, sind schon 25 Euro viel Geld. Bei einer Band etwa wie den Dubliners, zu der manche Fans über Jahrzehnte jedes Jahr kamen, lagen die Preise bei der Abschnittstour um die 40 Euro herum, da kann man auch nicht einfach mal 90 nehmen. Wenn ich jetzt allerdings das Nat King Cole-Projekt von Gregory Porter mit einem 70-Mann-Orchester kalkuliere, muss ich schon bis 95 Euro gehen, um da überhaupt klarkommen zu können«.
Die Frage, ob mit dem Achzigsten erste, zaghafte Gedanken an einen Ruhestand herüberwehen, quittiert Karsten Jahnke mit einem Lächeln. »Das ist natürlich eine Frage, die mir meine Frau schon seit Langem stellt. Ich bin ja insofern entspannt und glücklich, als mein Enkel Ben den Laden übernimmt und ich mir da keine Sorgen machen muss. Der Mann ist richtig gut, aber ich selbst habe halt auch noch richtig Spaß daran«.

Darauf noch ein Tässchen Tee. Grüntee.

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